Draußen (3)

Es wird Zeit für eine Fortsetzung, 2 Themen habe ich noch im Kopf, ein drittes kam aktuell dazu. Draußen ist bei Manuela nicht der Alltag, damals nicht und heute auch nicht. Somit bleibt es ein Highlight, jeder Ausflug für sich.

Der dritte Ausflug ging ins Kino. Manuela hat ein schlechtes Gedächtnis, Tagebuch führt sie auch nicht. Deshalb fehlt der Name des Films an dieser Stelle, aber er ist auch nicht wichtig. Aber der Name des Kinos, das Gloria. Ein sehr altes Kino, nix 3D, nix Multiplex. Früher hatten viele Städte ein Gloria, als es noch kein Cineplex oder Cinestar gab.

Was aber in der Erinnerung haften geblieben ist, die Angst und Unsicherheit. Heute kauft Manuela ihre Kinokarte selbst, damals hat es ihre Partnerin übernommen, und Manuela blieb im Hintergrund. Ansonsten ist Kino einer der harmloseren Ausflüge nach draußen, denn im Kino ist es dunkel, jeder ist auf die Leinwand oder das Popcorn fixiert, und nicht auf Männer in Frauenkleidung.

Trotzdem bleibt ein Ausflug nach draußen ein prickelndes Erlebnis, das Risiko jemand zu treffen der einen kennt. Aber auch ein schönes Erlebnis, wenn das schöne Hobby sich auf diese Weise entfaltet. Klar, im Endeffekt hat man sich nur selbst etwas bewiesen, mehr nicht, man hat ja nichts geleistet. Aber auch das kann ja schön sein. Später kam noch eine andere Komponente dazu, aber es kommen ja noch 2 Folgen „Draußen“.

Aber was ist das, was man sich selbst beweist? Für Manuela ein Stück Normalität, und das ist sehr wichtig. Das Wissen dass Crossdressing nichts ist weshalb man zum Arzt muss, nichts weshalb man sich schämen muss. Mit diesem Wissen macht Crossdressing Spaß, wird zum Genuss. Bei Manuela weiterhin nicht täglich, sondern nur hin und wieder, mal öfter und mal seltener. Manchmal eben auch draußen, da wo man gesehen wird, zumindest bevor es dunkel wird im Kino.

Draußen (2)

Nach dem ersten Mal, nach der Erkenntnis dass draußen keine wilden Tiere warten, kam schnell der Wunsch nach Wiederholung, der Wunsch nach neuen Erlebnissen. Diesmal sollte es etwas mehr sein als ein Eis das die Partnerin kauft. Irgendwann war sie da, die Idee, unser Chinese sollte es sein. Nicht weit von zuhause gab es ein kleines Bistro wo wir eigentlich schon Stammkunde waren.

Man bestellte direkt an der Theke, der kleine Chinese der immer die Bestellung aufnahm war wortkarg aber fix bei der Arbeit. Bestellung an der Theke, das würde schon etwas mehr sein als abseits stehen und sich ein Eis mitbringen lassen. So war der Plan. Kleidung, Make-up, Perücke.

Das Wetter war doof, im Juni 2009, vor dem Klimawandel. Wir gingen den Weg aus dem Haus, runter zur Hauptstraße, die paar Meter bis zum Bistro. Tür auf, rein, und – die wenigen Tische alle besetzt. So ein Mist, die ganze Zeit gefreut und jetzt das. Umkehren, Essen mit heim nehmen? Draußen gab es noch ein paar Tische, aber das Wetter war ja doof, es hatte gerade erst aufgehört zu regnen. Egal, wir wollten bleiben, also draußen sitzen.

Es dauerte nicht lange, ein Kellner kam, zwei Speisekarten, er wischte den feuchten Tisch nochmal ab, sein Blick blieb an Manuela kleben. Wie schon gesagt, Manuela bleibt nicht unerkannt, das markannte Gesicht. Schon mal zwei Cola bestellt. Einmal die Speisekarte durchgeschaut, mein Lieblingsgericht war schnell gefunden, Bami Goreng. Speisekarte zugeklappt, auf den Kellner gewartet.

Es dauerte nicht lange, aber es kam nicht der Mann von vorhin, es kam ein anderer Kellner. Auch er schaute Manuela sehr lange an, so als hätte er noch nie eine Transe gesehen, in einer Stadt mit 200.000 Einwohnern. Nachdem wir unsere Bestellung aufgegeben hatten, schauten wir uns erstmal an, fragten uns ob es Zufall war dass für Speisekarte und Bestellung nicht der gleiche Kellner kam. Eigentlich hat doch jeder seine Tische.

Nach fünf Minuten war es klar, es war kein Zufall, das Essen brachte tatsächlich ein dritter Kellner, wir wussten bis dahin gar nicht dass die so viel Personal hatten. Offensichtlich war Manuela eine Art Highlight, eine Abwechslung zwischen süß-sauer und Frühlingsrolle. Das Essen war lecker, wie immer, und wir hatten Spaß. Humor ist wohl das beste Mittel gegen Nervosität, denn nervös war Manuela, es war ja erst der zweite Ausflug nach draußen.

Draußen, da wo man gesehen wird. Manchmal zieht man auch die Blicke auf sich, aber unangenehme Situationen hat es in all den Jahren nie gegeben.

Draußen

Zum neuen Jahr eine Erinnerung an die Anfangstage von Manuela.

Draußen, das ist da wo der Pizzabote herkommt. Draußen, das ist für Crossdresser und TV meistens etwas Besonderes. Viele machen das nie, weil die Lebensumstände es nicht zulassen, für einige ist es Alltag. Manuela macht es selten, ein paar mal im Jahr. Egal wie selbstbewusst und selbstverständlich manchmal darüber gesprochen wird, beim ersten Mal macht man das nicht einfach so. Für Manuela war der erste Gang nach draußen schon ein Erlebnis mit viel Herzklopfen.

Es war im Frühjahr 2009, der Entschluss war gefasst, die Partnerin die große Unterstützung ohne die es nicht funktioniert hätte. Ohne Make-up geht Manuela nicht raus, und wenn es jemand professionell macht dann ist das schon eine große Hilfe. Kleidung rausgesucht, Perücke, Sonnenbrille.

Wir wohnten damals noch recht zentral in der Stadt, und hatten uns als Ziel eine Eisdiele ausgesucht, gar nicht weit, vielleicht 150 Meter. Hinten aus dem Haus, kein Problem, der zugewachsene Garten bot genügend Schutz. Dann in die Einfahrt neben dem Haus, Richtung Bürgersteig. Die paar Meter gehen schnell, und dann wären sie da, die Menschen die auf nichts anderes warten als auf eine Transe die total verunsichert ihre ersten Schritte außerhalb der schützenden vier Wände macht. Das ist natürlich Quatsch, niemand wartet, und so belebt war die Gegend auch nicht.

Ja, Manuela fällt auf, sie ist groß, hat ein markantes Gesicht, Zweifel dass sie keine Frau ist gibt es da nicht. Aber trotzdem interessiert sich kaum jemand für sie, dazu sind die Menschen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Blick ins Handy, zur Ampel, wohin auch immer, aber sicher nicht auf der Suche nach einem Mann in Frauenkleidern.

Also den Bürgersteig runter zur Haupstraße, große Kreuzung, Ampel, warten. Weiterhin nervös? Na klar, und wie. Die Ampel wird grün, bis zur Insel und dann weiter, endlich da. Ein großer Platz mit einem Kiosk, Bäumen und Blumenkübeln, und eine Eisdiele. Jetzt aber nicht übertreiben, das Eis holt die Partnerin, Manuela bleibt im Hintergrund, immer noch verunsichert. Dann das Eis in der Hand, da haben die Hände was zu tun und der Kopf auch, aufpassen dass man nicht kleckert.

Klar, da waren andere Menschen, aber die haben sich tatsächlich nicht für Manuela interessiert. Das war gut für die Seele, gerade für das erste Mal, denn das prägt, daran erinnert man sich. Deshalb tut man es wieder, weil es ja nicht schlimm war. Dabei wird man dann mutiger, darüber schreibe ich auch noch.

Warum tut man es eigentlich? Gute Frage… Warum springt man im Schwimmbad vom 5-Meter-Turm? Weil man neugierig ist, weil man sich etwas beweisen will, weil man einen „Kick“ braucht? Eigentlich genauso schwer zu beantworten wie die Frage warum Männer sich als Frau verkleiden. Dieses erste Mal liegt jetzt mehr als 9 Jahre zurück, es kamen noch einige Ausflüge dazu, die immer mehr Spaß machten.

Mittlerweile kauft sich Manuela ihr Eis auch ohne Hilfe. Draußen, da wo man gesehen wird.

Wegwerfen oder reparieren?

Manuela, geboren in den 60ern, da hat man es meistens von den Eltern gelernt, man wirft nicht gleich etwas weg nur weil es beschädigt ist oder nicht mehr so schön. Stichwort „Schlechte Zeiten“, die Worte kennt meine Generation noch von früher.

Worum geht es denn eigentlich? Manuela hat ein paar neue Sachen gekauft. Ein paar offene „Gesundheitsschuhe“ bei Lidl, für Damen und Herren, Größe 44, 5€ im Sonderangebot. Und eine bequeme Hose mit Hahnentrittmuster, Größe 2 XL steht drin, passt optimal, superbequem. Die weiße Bluse hängt schon ewig im Schrank, vielleicht noch nie angehabt. Da es Freitag ist, einiges im Haushalt zu tun ist und das traditionelle Abendessen gekocht werden soll, muss ein Kittel im Schrank gefunden werden. Wegen der gemusterten Hose soll es Uni sein, nicht weiß wegen der Bluse. Hellblau, genau, der sieht doch schön aus. 100% Nylon, passt optimal. Aber der oberste Knopf fehlt…

Drama im Alltag eines Crossdressers? Muss man das wegwerfen? Nein, Knopf annähen ist nach einer Woche anstrengender Büroarbeit eher Entspannung. In der Schachtel mit der Knopfsammlung gewühlt, da ist er, passt genau. Welches Garn? Wie sind denn die anderen Knöpfe? Einmal original in dunkelblau, zweimal weiß. Na toll, welche Hausfrau war das denn? Nicht schön genäht. Also dunkelblau, Knopf angenäht, die zwei mit dem weißen Garn kann man ja später mal nachnähen.

Kittel anprobiert, neuen Knopf zugema…, verflixt, warum geht denn der nicht zu? Weil die Hausfrau nicht nur stümperhaft genäht hat, sondern den obersten Knopf gar nicht wollte, und deshalb das Knopfloch zugenäht hat. Na super, sieht aber doof aus, nicht mein Stil. Also vorsichtig aufgetrennt, Knopf passt durch, aber Knopfloch ist jetzt total ausgefranst.

Doch ein Drama im Alltag eines Crossdressers? Nein, aber nervt schon etwas. Hellblaues Garn gesucht, Knopfloch schön nachgearbeitet damit nichts einreißt. Zwischendurch der Partnerin begegnet, kurzer Blick von oben nach unten, „Der Kittel zu der Hose…“. Ja, ok, als der blaue Kittel noch nicht einsatzbereit war kam eben einer in lila Dederon mit schwarzen Blumen aus dem Schrank. Ok, ich gebe es ja zu, passt nicht, schon schlimmeres gesehen, aber passt wirklich nicht.

Jetzt noch schnell das Bügeleisen an und den hellblauen Kittel gebügelt, dabei kopfschüttelnd das weiße Garn angeschaut, kein Drama, aber auch keine Freude. Nochmal das dunkelblaue Garn geholt und die beiden Knöpfe neu angenäht. Jetzt gefällt er mir, ist auch ein schönes Stück, von Fabenyl, also was Gutes.

Falls meine Partnerin diesen Artikel liest wird sie wieder schmunzeln, ihren Crossdresser mal wieder ein bisschen durchgeknallt finden. Nylonkittel, Kittel bügeln, lange Artikel über Knöpfe schreiben. Sie sagt dass sie sich dran gewöhnt hat. Dafür rauche ich nicht, treibe mich nicht nächtelang in Kneipen rum, spiele nicht und helfe im Haushalt. So klappt es eben irgendwie, im Alltag eines Crossdressers.

Nochmal zum Thema, wir kaufen beide viel auf Flohmärkten. Nicht nur weil es da viele Retro-Teile gibt, nicht nur weil es viel preiswerter ist. Sondern auch weil man nicht alles wegwerfen muss, worüber sich andere vielleicht noch freuen. Weniger wegwerfen ist weniger Müll, weniger Energie für neue Produktion, weniger ausgebeutete Menschen in den Schwellenländern die das Zeug produzieren müssen, weniger Verkehr auf der Straße weil man nichts mehr lokal produziert sondern alles globalisiert ist.

Das waren sie mal wieder, nach langer Zeit, die Gedanken aus dem Alltag eines Crossdressers, banal, alltäglich und ein bisschen nachdenklich.

Kino zu zweit

Vergangene Woche hatte Manuela Geburtstag, am 21. Februar vor 9 Jahren hat sie das erste Mal Frauenkleidung angezogen und sich schminken lassen. Seitdem ist viel passiert, ihr Kleiderschrank hat gigantische Dimensionen angenommen, sie kann sich selbst straßentauglich schminken und hin und wieder geht sie nach draußen. Ihre Leidenschaft lebt sie in Maßen aber doch regelmäßig aus, im Schnitt vielleicht einmal pro Woche für ein paar Stunden.

Heute hat sie sich selbst ein kleines Geburtstagsgeschenk gemacht, ein Kinobesuch zusammen mit ihrem Schatz, Kino zu zweit, ein Frauenabend. Wunder, das Drama um einen Jungen der durch einen Gendefekt im Gesicht entstellt ist. Ein Frauenfilm? Nicht unbedingt, es saßen nur Pärchen im Kino. Ein Karton Popcorn und ein paar Taschentücher falls die Tränen kommen. Ein wirklich gut gemachter Film.

Was sich in den 9 Jahren verändert hat? Es war ein Hobby und ist ein Hobby geblieben. Keine Geschlechtsidentitätsstörung, kein Wunsch nach mehr. Aber durch die Erfahrung mehr Spaß, besonders draußen. Die Menschen beißen nicht, allenfalls gucken sie. Entweder kurz oder auch länger. Manuela ist über 1,85 groß und hat ein markantes Gesicht, da fällt sie nun mal auf. Es gibt aber auch Menschen die überhaupt nicht reagieren, so wie die junge Frau an der Kinokasse. Freundlich aber völlig normal. Sowas ging anfangs nicht, beim ersten Kinobesuch hat Manuela noch gekniffen, den Schatz an die Kasse geschickt. Heute macht sie das selbst, weil eben nichts passiert. Die Frau an der Kinokasse fragt wo man sitzen möchte, was es kostet, und wünscht viel Spaß. Genau wie der Mann der die Karten korrigiert, und die Frau die das Popcorn verkauft.

Das möchte Manuela weitergeben, draußen ist schön, draußen tut nicht weh, draußen macht Spaß. Wenn die Partnerin dabei ist macht es natürlich noch mehr Spaß. Das ist ja alles andere als selbstverständlich. Weder dass die Partnerin überhaupt davon weiß, noch dass sie an solchen Ausflügen teilnimmt. Das ist ein großes Geschenk für Manuela, das ist eher selten als die Regel.

Bei allem Spaß und aller Offenheit, die Gesellschaft ist noch längst nicht so weit dass man total locker damit umgeht. Familie, die meisten Freunde, Nachbarn, Kollegen, keiner von denen kennt Manuela. So wird es wohl auch bleiben. Einige enge Freunde kennen Manuela, vielleicht auch der eine neugierige Nachbar. Wenn es draußen noch hell ist und Manuela in das Auto ihrer männlichen Persönlichkeit steigt, dann kann das schon passiert sein dass jemand hinter der Gardine gelauert hat. Das ist dann die Kategorie „na und“.

Jahresende

Liebe Freunde und Leser,

das Jahr beende ich mit ein paar Stunden Manuela. Ein geblümter Rock der schon lange auf seinen ersten Einsatz wartet, dazu eine rostfarbene Bluse. Dann der übliche Blick in den Schrank, welcher Kittel passt dazu? Bei gemusterten Röcken oder Blusen ist das immer schwierig, deshalb fiel die Wahl letztendlich auf weiß. Erst musste er gebügelt werden, denn ungebügelte Sachen mag ich nicht. Dann fehlte ein Knopf, der aber zum Glück in der Schachtel der abgerissenen oder sonstwie erbeuteten Knöpfe lag. Aber, wo ein Knopf fehlt da schaut bei einem zweiten ein Faden raus, wenn man an dem zieht merkt man dass der nächte Knopf auch nicht mehr lange hält, und ein weiterer auch nicht. Also gleich eine Runderneuerung. Das ist schon lange her, nicht nur die Fotos und Beiträge sind dieses Jahr zu kurz gekommen, das Aufräumen sowieso, aber auch de Kleiderpflege.

Der Kittel ist etwas zu groß, da habe ich schon mal geschaut ob ich den enger nähen kann. Aber er ist außergewöhnlich lang, weit bis über die Knie, mit 6 Knöpfen, und ein sehr fester und glatter Nylonstoff. Raschelt nicht, glänzt nicht, aber ein ganz tolles Gefühl.

Manchmal denke ich drüber nach, wer hat den wohl mal getragen? Es war bestimmt ein Sonntagskittel, wie ihn meine Mutter auch hatte. Für die Besitzerin war es garantiert kein Fetischobjekt. Vielleicht fand ihr Mann den Kittel schön? Hat er ihn vielleicht sogar heimlich angezogen? War er Spanking-Fan, hat sich von seiner Frau im Kittel den Hintern verhauen lassen? Oder der Sohn in der Pubertät hat ihn heimlich angezogen? Was würde der Kittel erzählen wenn er reden könnte…?

Das sind sie mal wieder, die Gedanken und Gefühle im Alltag des Crossdressers. Etwas bekloppt, etwas neben der Spur. Aber ich wähle nicht AfD, ich wasche auch nicht wie ein Gestörter mein Auto, ich vergreife mich nicht an Kindern und begrabsche keine Frauen. Somit habe ich mit meinem verrückten Hobby absolut kein schlechtes Gewissen.

Ich wünsche euch allen einen guten Start ins neue Jahr.