Die Schule – Teil 3 – Die Ankunft

Es war gut zwei Wochen nach Beginn der Sommerferien als Ursula Lehmann den lang erwarteten Anruf der Schule bekam. Wie erwartet hatte Michael seinen Schulabschluss nicht geschafft, er lag nun einen großen Teil des Tages in seinem Bett oder er lümmelte vor dem Fernseher. Eine Vorstellung davon wie es weitergehen sollte hatte er nicht, aber seine Mutter sprach das Thema auch nur selten an, schließlich wusste sie ja sehr genau was seine Zukunft bringen sollte. Am Telefon war Rebecca Hartmann, die Frau die ihr damals die Tür an der Schule aufgemacht hatte. Sie riefe im Auftrag der Direktorin an, man habe in der Schulkonferenz eine Idee entwickelt wie man Michael in die Schule locken wolle. Ein anderer Junge würde ihn in dem Jugendzentrum ansprechen, dort würde Michael regelmäßig hingehen um kostenlos an einem alten Flipperautomaten zu spielen. Der Junge wäre der Sohn einer anderen Mitarbeiterin, er würde Michael einen Ferienjob anbieten, sehr leichte Arbeit aber gut bezahlt. Das würde den faulen Gesellen sicher motivieren, Geld könne er ja immer gebrauchen. Sobald der Termin klar sei würde Frau Lehmann einen erneuten Anruf bekommen, sie solle dann etwas später in der Schule auftauchen und ihm ein paar Sachen bringen und schließlich tschüss sagen.

Tatsächlich kam Michael nach ein paar Tagen an, er würde einen Kumpel bei einem Ferienjob vertreten. Seine Mutter machte sich noch scheinheilig lustig, ihr Sohn und arbeiten, aber sie wusste ja dass es nur das Geld sein könne was ihn gelockt hatte, nur dass unter normalen Umständen niemand ihrem Sohn eine Arbeit angeboten hätte. Michael und Arbeit, das war doch wie der Teufel und das Weihwasser. Aber Ursula vertiefte das Thema nicht weiter, wohl aus Angst dass man das heimlich Grinsen in ihrem Gesicht sehen könnte. Am nächsten Freitag um 14 Uhr solle er dort sein, das Fahrgeld für den Bus würde er ersetzt bekommen. Ursula braucht keinen Zuschuss für den Bus, den ersten Schultag von ihrem Sohn wollte sie garantiert nicht verpassen. Am nächsten Morgen rief nochmal die Schule an und bestätigte den Termin, sie solle eine halbe Stunde später da sein, etwas Waschzeug, mehr brauche sie ihrem Sohn nicht mitzubringen, den Rest bekäme er in der Schule. Sie müsse dann lediglich noch die Einzugsermächtigung für das monatliche Schulgeld unterschreiben, danach könne sie sich von ihrem Sohn verabschieden.

So machte sich Michael Freitag nach dem Mittagessen auf, ein Liedchen pfeifend und die Hände in den Hosentaschen. Als seine Mutter eine halbe Stunde später in den Bus stieg konnte man ihre gute Laune nicht mehr übersehen, mittlerweile hatte sie sich sehr gut mit dem Gedanken abgefunden, jegliches Mitleid war durch Schadenfreude abgelöst worden, sie fand dass ihr Sohn sich die kommende Erziehung wirklich verdient hätte. Sie erinnerte sich an den Standardsatz der älteren Generation, „Eine Tracht Prügel hat noch niemand geschadet.“

Pünktlich um 14:30 Uhr kam sie an der Schule an, als sie klingelt hörte sie schon laute Stimmen, eine davon konnte zu ihrem Sohn gehören. Ein Frau öffnete die Tür, sie stellt sich als Angelika Lohmeier vor. Eine normal große Frau, sehr kräftig gebaut, gekleidet war sie genauso wie damals Frau Hartmann, offensichtlich eine Art Uniform in der Schule. Nachdem Ursula sich ebenfalls vorgestellt hatte wurde sie von Frau Lohmeier zum Büro der Direktorin gebracht die schon auf ihren Besuch wartete. Manuela von Hohenstein berichtete wie man den Michael mit der List in die Schule gelockt habe. Dort angekommen hätten ihre Assistentinnen ihn sofort gepackt. Derzeit liefen noch lautstarke Diskussionen mit ihm, sie hätten ihn in den Waschraum gebracht und sie wären dabei seinen größten Widerstand zu brechen. Die Direktorin fragte Ursula ob sie bereit wäre, mehr als einen kurzen Abschied würde sie nicht empfehlen.

Bereit war sie, sie war sogar von sich selbst überrascht wie locker sie mit der Situation umgehen konnte. Gemeinsam mit Frau von Hohenstein ging sie die Treppe runter zum Waschraum. Sie hörte ihren Sohn von weitem rumbrüllen, dazu noch ein paar Frauenstimmen die offensichtlich auf ihn einredeten. Als die Tür aufging und Michael seine Mutter sah atmete er förmlich auf, er fuhr seine Mutter allerdings sofort an, wo sie denn so lange gewesen wäre und dass sie ihn nun endlich befreien könnte. Merkwürdig, woher hätte sie denn wissen sollen wo er war? Jedenfalls konnte Ursula das sehr schnell zurechtrücken. Es gäbe keine Befreiung, sie wolle sich nur kurz von ihm verabschieden. Alles was in den nächsten zwei Jahren mit ihm passieren würde sei mit ihr abgesprochen und würde ihre volle Zustimmung finden. Sie sei überzeugt dass sie endlich einen Ort gefunden hätte wo er das bekäme was er verdiene. Überraschenderweise sagte Michael jetzt überhaupt nichts mehr, er war völlig perplex dass seine Mutter hinter dieser Art Entführung steckte, er schaute völlig hilflos aus.

Hilflos war er auch, zwei Frauen hielten ihn fest an den Oberarmen so dass er zwar noch mit den Beinen strampeln konnte aber keine reelle Chance auf Gegenwehr oder gar Flucht hatte. Er stotterte ein paar unverständliche Brocken, dann aber fing er an zu fluchen und zu schimpfen. Schließlich rief er in die Richtung der Direktorin dass die blöde Tante ihm angedroht habe dass er ab sofort hier wohnen würde.

Manuela von Hohenstein war keine Frau die laut wird, die Bestrafungen ihrer Schülerinnen überließ sie in der Regel ihren Assistentinnen. Aber in diesem Fall quittierte sie Michaels frechen Sprüche mit einer schallenden Ohrfeige und einer anschließenden Standpauke, die sie mit ruhiger aber autoritärer Stimme vortrug. Der Kern der Predigt war das Versprechen dass sie in den nächsten zwei Jahren einen ordentlichen Menschen aus Michael machen würde, dass man ihm beibringen würde aich nach den Worten von Eltern, Lehrern oder Vorgesetzten zu richten, dass sie ihm Respekt und Disziplin beibringen würde, und dass man ihn mit ausgesprochen schmerzhaften Bestrafungen erziehen würde. Daraufhin verließ die Direktorin wortlos den Raum.

Ursula Lehmann sagte nur kurz „Mach’s gut“ zu ihrem Sohn und ging ebenfalls, wohl um beiden den Abschied nicht so schwer zu machen. Während sie noch auf dem Flur war hörte sie nur noch „Mama, bitte…“ doch Manuela von Hohenstein fasste sie sanft aber bestimmt am Oberarm. Sie solle sie nur noch kurz ins Büro begleiten, ihre Assistentinnen würden sich schon angemessen um ihren Sohn kümmern, hungern und frieren müsse er garantiert nicht. Im Büro erledigten sie noch rasch die Formalitäten, dann stieg Ursula in den Bus und fuhr nach Hause. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, ein bisschen jedenfalls, aber sie versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten dass es für ihn das Beste sei.

Michael wurde in einem Einzelzimmer eingesperrt, ein spartanisch eingerichteter Raum mit vergitterten Fenstern. Auf einem Tisch stand eine Waschschüssel, unter dem Tisch eine Bettpfanne. Das Bett war einfach aber ordentlich bezogen. Vor dem Fenster stand ein Tisch mit einem einfachen Holzstuhl. Auf dem Tisch stand eine Flasche Wasser und ein Teller mit ein paar Broten. Er hörte wie die Tür von außen abgeschlossen wurde, er hörte wie sich die Schritte langsam entfernten. Er fragte sich was ihn hier erwarten würde. Er hatte Angst. Er legte sich auf das Bett und weinte…

Fortsetzung

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